15. April – 19. Mai 2011

Adalardo Nunciato Santiago - Psychorealismus

PSYCHOREALISMUS. EINE PERSÖNLICHE SICHT

Kürzlich fragte mich jemand, warum ich meine Bilder als psychorealistisch bezeichne.

Ich antwortete, dass jemand der der Kunstwelt angehört, irgendwann einmal eingeordnet wird und eine Sparte besetzt, um seinem Werk ein Etikett zu verleihen. Oder er wird von anderen gefragt, welcher Schule er denn angehöre, was mir übrigens auch schon ein paar Mal passiert ist. Ich stelle fest, dass die Menschen Spezialisten darin sind, Etiketten, Definitionen, Parameter und sonstige Formen aufzustellen, um eine Idee oder ein Objekt vom anderen zu unterscheiden. Ich könnte als kubistischer Maler gelten oder als surrealistischer, impressionistischer usw., doch ich beschloss irgendwann, alle diese der Vergangenheit entstammenden Namen beiseite zu lassen und einen neuen Namen zu wählen: PSYCHOREALIST.

Da ich Dinge schuf, die ich als ausgesprochen mir eigen einordnete, Dinge die ihren Ursprung in meinen innersten Überzeugungen hatten, wählte ich den Begriff PSYCHO. Und da alles, was ich schuf, Frucht einer von mir eingefangenen, transformierten und durch ein Wertesystem, welches meine Psyche ausmacht, verarbeiteten Realität war, fügte ich dem ersten Begriff (PSYCHO) einen zweiten hinzu: REALISMUS. Oder kurz gesagt: PSYCHO, weil alles, was ich auf eine Leinwand übertrug, meine innerhalb meiner mentalen Prozesse verarbeitete Realität war und REALISMUS, weil alles, was ich schuf, das Bildnis einer im Inneren meiner Psycho transformierten Realität war. Psychorealismus, so verstand ich bald, war weit mehr mit dem Schaffen als mit der Ausführung oder der Technik verbunden. Die Kunstwelt war bereits einem Kuchen gleich in Tausend Stücke unterteilt. Ich aber suchte eine Form, um das, was zerstückelt war, zusammenbringen und nicht nochmals zu teilen, was schon geteilt worden war.

Der Ausweg wäre, die Kunst aus dem Blickwinkel des Schaffens, genauer gesagt des individuellen Schaffens, zu betrachten, d.h. soweit wie möglich losgelöst von kollektiven, in der Regel aus der Vergangenheit heraus betrachteten Einflüssen.

Auf diese Weise musste sich, wer sich wie ich mit der Malerei vertraut machte, nicht notwendigerweise einer Schule oder einer bereits bestehenden Kunstrichtung zuordnen. Er war einfach ein Maler ohne Schule und entwickelte eine Kunst, die versuchte, den vorgefertigten Definitionen zu entfliehen. Denn schliesslich ist Kunst ein Prozess, und wenn wir diesen Prozess teilen, werden wir nicht mehr die Möglichkeit haben, ihn zu verstehen und ihn weiterzubringen. Punkte, Striche, Farben, Materialien sind immer dieselben und bewegen sich innerhalb begrenzter Möglichkeiten, aber das Schaffen und die Erfindungsgabe kennen keine Grenzen.

Psychorealismus, eine paradoxe Kunst

Wir Menschen sind dualistisch. Im Verlauf des Entstehens meiner Bilder erkannte ich, dass ich zu Beginn einer Arbeit anders dachte als am Ende und so kam ich zu vollkommen anderen Ergebnissen, als ich anfänglich geplant hatte. Vielleicht lief da ein Prozess ab, bei dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als antagonistische Kräfte auftraten und bewirkten, dass die Pinselstriche sich immer öfter widersprachen und so der Arbeit etwas Paradoxes verliehen. Deswegen ertappte ich mich auf einmal dabei, dass ich fast fertige Bilder zerstörte, um über dem, was ich zerstörte, wieder etwas Neues zu beginnen.

Warum kam es zu diesem Phänomen?

Die Zeit zeigte, dass in meinem Fall der Akt des Malens ein Akt der Selbsterkenntnis war, die Verneinung des “dejá vu” und der Versuch eines möglichen Sprungs in die Zukunft.

Im Rahmen des psychorealistischen Denkens geht man davon aus, dass ein Künstler eine einzigartige, individuelle Motivation hat und dass er bei seinem Vorhaben etwas zu schaffen versuchen muss, sich von Bekanntem zu lösen.

In der Geschichte gab es Maler, die heute möglicherweise als Psychorealisten eingeordnet werden könnten. In ihrer jeweiligen Zeit wurden sie als „unabhängige“ Maler bezeichnet, da sie keiner der zu ihrer Zeit modernen Richtung folgten. So zum Beispiel Van Gogh, wenn es erlaubt ist, ihn zu zitieren. Er lebte in einem Widerspruch, wenn auch seine Werke diesen geistigen Zustand nicht so sehr wiedergeben, da er es in einer gewissen Weise schaffte, er selbst zu bleiben und sich in einer eigenen Form auszudrücken.

Wie bereits gesagt, verstehe ich den Schaffensprozess als einen Prozess der Selbsterkenntnis. Ich drücke meine innersten Überzeugungen in einer Form aus, die ich selbst gar nie beabsichtigt hatte als Ausdrucksmittel zu benutzen. Die Handbewegungen begingen schliesslich in einer konstanten Entfremdung dessen, was geschaffen werden sollte, Verrat an den Absichten meines Geistes.

 

Ich wollte „A“ und es entstand am Ende „B“. Ich befand mich, wie bereits erwähnt, in einem Paradoxon, wo das Endergebnis eines Werkes nicht immer das war, was man erwartet hatte, denn, wie gesagt, sind wir Menschen dualistisch, wir drücken uns innerhalb dieses Dualismus‘ aus und ich glaube, dass der Schaffensprozess mit unserem Bewusstsein zu tun hat und wir dazu tendieren eine gewisse Anfangsinitiative innerhalb dieses Schaffensaktes unbenutzt verstreichen zu lassen und unbewusst auf Befehle hören, die weit davon entfernt sind, rational zu sein.

Der Schaffensprozess entblösst den Künstler auf eine Art, die sogar eine wachsende Transformation seines eigenen Egos bewirken kann. Seine Kunst verändert ihn und je grösser die Entwicklung seines künstlerischen Ausdrucks und Bewusstseins ist, desto grösser wird seine Fähigkeit werden, zu beobachten, zu verstehen und in seinen Bildern die Welt um ihn herum auszudrücken.

 

Von meinen ersten Bildern an beobachtete ich, dass ich mich stets vor einer grossen Herausforderung befand. Dass sich Tausend Kräfte vereinten, um gleichzeitig das, was letztlich meine Arbeit, mein fertiges und signiertes Bild sein würde, zu schaffen und zu zerstören. Später stellte ich fest, dass ich, selbst wenn ich eine Arbeit für abgeschlossen hielt, sie nochmals verbesserte oder änderte, sofern sie nicht im Besitz anderer war. Die Notwendigkeit, Details hinzuzufügen oder gar welche zu entfernen, war immer präsent und unkontrollierbar. Vielleicht geschah dies, weil das Werk sich stets innerhalb einer Reihe von häufig konfliktgeladenen Werten bewegt. Das menschliche Bewusstsein versucht die Dinge nach Gegensatzpaaren aufzuteilen und einzuordnen, tendiert dazu Polaritäten zu schaffen, und wenn wir gezwungen sind mit diesen Polaritäten umzugehen, schaffen wir Konflikte. Wir sind gezwungen, Unterschiede zu machen und aufrechtzuerhalten, eine Auswahl zu treffen, auf die wir nicht immer vorbereitet sind. Um die Realität richtig zu analysieren, teilen wir sie beim Versuch, die uns am passendsten erscheinenden Fragmente auszuwählen, häufig in Stücke. Nun ist es aber so, dass die Fragmente an sich nicht die Gesamtheit erklären und dem Schaffensprozess auch keine grossen Möglichkeiten lassen. Es ist Tatsache, dass je grösser unsere Ignoranz bei der Einverleibung der Realität ist, desto stärker versucht unsere Intelligenz, Fakten und Begebenheiten zu teilen und entfernt uns so vom Verständnis der Realität als Ganzes. Dem Schaffensakt merkt man alles an, was im mentalen Prozess vor sich geht, und er ist daher geprägt von konfliktgeladenen Schritten. Mal würden wir die Komponenten einer Polarität bejahen, mal verneinen, obschon im Grunde das Ideal die Vereinigung der Polaritäten und die Bildung eines einzigen Systems wäre, das zum Wohle des Schaffens arbeitet. Handeln wir so, haben wir eine Ausdrucksform, die Grenzen, Nachlässigkeiten, Zeit und Raum überschreitet und so schliesslich Zweifel und Ignoranz verringern. Wie bereits vorher dargelegt, führt alles zu Denk- und Handlungsweisen eines Künstlers, zur Metamorphose seines Egos, dessen Überleben paradoxerweise von der Teilung und der Polarisierung seiner Werte abhängt. Ein psychorealistisches Werk berührt das Reale, versucht aber die Realität zu extrapolieren und den Betrachter dazuzubringen, bei dem Versuch das betrachtete Werk zu entschlüsseln, eine Einheit mit dem Künstler zu bilden und so einen kommunikativen Prozess zu nähren, der ein Teil dessen ist, was man beim Schaffen beabsichtigt. Als Maler beobachtete ich, dass Menschen - und nicht nur Künstler - eine Synthese suchen, eine Ordnung innerhalb eines universalen Gefühls, eine Interaktion mit allem, obwohl sie sich innerhalb von unterschiedlich motivierten, trennenden Konfliktsituationen bewegen, welche erst überwunden sind, wenn das individuelle Denken es schafft, die Polaritäten zu vereinen und einen Weg zu finden, der über all den Werten steht, die wir bei der Unterteilung von wahrscheinlich unteilbaren Prozessen schufen.

 

Adalardo Nunciato Santiago

Essay über den Psychorealismus

Genf – Schweiz - 2011

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