29. März – 16. Juni 2012

Alex Flemming

IMAGINÄRE GEMEINSCHAFT VON ZEITGENOSSEN.
ZUR NEUEN BILDNIS-SERIE VON ALEX FLEMMING
Michael Nungesser

Die Bildnisse, die Alex Flemming im Laufe der letzten fünf Jahre geschaffen hat, ergeben eine weitere, noch nicht abgeschlossene Serie in seinem umfangreichen Œuvre. Mit ihr hat sich der Künstler gleichsam abermals neu erfunden, ohne für ihn typische, grundlegende ästhetische Ausdrucksformen aufgegeben zu haben. Eine davon ist die jede Serie prägende thematische und motivische Verwandtschaft, die sich hier auf die menschliche Figur und die sie begleitenden Gegenstände bezieht. Zu sehen sind Menschen aus dem Lebensumfeld von Flemming. Ihre Darstellung als Bildnis betrifft ein Genre, das in der Kunstgeschichte Europas seit der Renaissance eine hohe Bedeutung gewonnen hatte, die durch die Fotografie zwar abgeschwächt, doch zugleich mit einer neuen Wertigkeit verbunden wurde. Wenn Flemming sein Gegenüber meist frontal, gelegentlich im Halbprofil, als Ganz- oder Halbfigur, als Knie-, Hüft- oder Bruststück porträtiert, so reiht er sich damit in eine lange Tradition ein, gibt dieser aber eine ganz neue Wendung.
Flemmings Acrylgemälde auf Leinwand gehen auf seine eigenen Fotos der Porträtierten zurück, wobei mehrere Personen im gemalten Bild auf Einzelaufnahmen beruhen können. Fotos bilden aber keine direkte Vorlage. Sie geben Anregungen, vermitteln durch die mit der Kamera fixierte Haltung, Gestik und Mimik Eindrücke der jeweiligen Person, die im bildnerischen Prozess aufbewahrt und umgewandelt werden. Eigene Fotos – das bedeutet zugleich einen persönlichen Bezug zum Gegenüber, das aus dem engeren oder weiteren Bekannten- und Freundeskreis stammt. Denn Flemming, nach eigener Aussage „genetischer Nomade“, ist ein kommunikativer Mensch, der im „kosmopolitischen Dorf Berlin“, seiner zweiten Heimat nach São Paulo, Menschen darstellt aus Deutschland, Brasilien, Portugal, der Schweiz, den Niederlanden, von wo auch immer.
Wie schon aus den Bildtiteln hervorgeht, werden sie teilweise über ihren Beruf definiert; er entspricht häufig ihrem Naturell oder bestimmt es mit: Galerist, Professor, Rechtsanwalt, Augenarzt, Maurer, Botaniker, Chemiker, Schreiner, Papageienzüchter, Kellner oder Eisverkäufer. Außer der Leitung einer Galerie berührt keine der Tätigkeiten das Feld der Kunst, aber einige der Genannten mögen sich mit Kunst umgeben wie zum Beispiel Die Kunstsammlerin. Die anderen kennt der Künstler aus der Nachbarschaft oder nimmt deren Dienste in Anspruch. Manche der Porträtierten zeichnen sich durch ihr Handeln im Bilde aus, so etwa Die Kaffeetrinkende oder Die Touristen unter ihren Regenschirmen. Dem Künstler nahe stehen diese Personen alle. Sie sind ihm vertraut – mit zwei Ausnahmen: Die Paparrazi, die einer vergleichbaren Profession wie er nachgehen und den fotografierenden Porträtmaler als prominenten Künstler selbst unter „Beschuss“ nehmen, und die vier Militärpolizisten (o.T.) aus São Paulo. Letztere gehören in Brasilien einer meist aggressiv auftretenden Elitetruppe an, die der Künstler sich nur im Schutze und als Protagonist von Drehaufnahmen der Deutschen Welle zu fotografieren traute.
Flemmings Porträts zeichnen sich durch unterschiedliche, aber stets große Formate aus, lediglich die elegante ältere Dame (o.T.) weicht davon ab. Trotz der enormen Ausmaße nehmen die anderen Personen oft nur einen kleinen Raum in der Gesamtkomposition ein. Der in allen Gemälden vorhandene Hintergrund, eine unruhig tosende Fläche aus kräftigen Pinselwogen in Schwarz und Silber, bildet einen dominanten Fond, gegen den die Dargestellten sich behaupten müssen. Sie tragen Alltags- oder Berufskleidung, sind häufig mit Tätigkeitsattributen ausgezeichnet, zum Beispiel Papagei (Züchter), Flasche und Glas (Kellner), Farn und Kaktus (Botaniker) oder Reagenzgläser (Chemiker). Einen eigenwilligen Akzent erhält das Bild Der Eisverkäufer durch die große, von oben gesehene Palette farbig-poppiger Eisbehälter. Nur wenige Personen treten bildmächtig auf, wie Der Rechtsanwalt ‒ als rollenspielendes Doppelporträt ‒ und Der Professor aus Utrecht, die sich beide gleichsam breitschultrig aus dem (Bild-)Fenster heraus zu lehnen scheinen.
Zwei wesentliche Besonderheiten, die allen Porträts ihren eigenen Stempel aufdrücken, blieben bisher unerwähnt: Die Durchsichtigkeit der Körper und die mit Schablonen erfolgte Darstellung der Bildgegenstände. Die nicht von Kleidung bedeckten Körperteile, also Kopf, Arme und Hände, sind nur als Kontur angegeben, in ihrer Binnenfläche scheint der unruhige Bildhintergrund durch ‒ das kann auch das Weinglas betreffen, das die vornehme ältere Dame zum Munde führt. Augen, die am ehesten einen Einblick in das Innere eines Menschen zu geben vermögen, weisen nur gelegentlich eine zeichenhaft markierende Pupille auf. Teilweise schieben sich Sonnenbrillen davor. Das lässt die Militärpolizisten in ihrer bedrohlichen Staffelung noch unheimlicher erscheinen. Das Gesicht in Der Augenarzt als Patient wird durch das unheimlich wirkende Gerät, den zur Bestimmung der Sehschärfe verwendete Phoropter, halb verdeckt. Bei den Paparazzi verschwindet sogar fast das gesamte Konterfei hinter deren Kameras, und sie erscheinen als Anhängsel des Apparates, den sie bedienen. Das sie anonymisierende, ins Bild gebannte Grotesk-Maschinenhafte erscheint wie eine Revanche des malenden „Opfers“.
Der Hintergrund aller Gemälde besteht aus gleichsam freihändig mit dem Pinsel gesetzten Formen. Sie ergeben ein abstraktes Raummuster, in das sich Personen und Accessoires einschreiben. Die Bildgegenstände werden mit vom Künstler erstellten Schablonen aus hartem Papier gestaltet, in die er zuvor ihre jeweiligen Konturen mit dem Teppichmesser eingeschnitten hat. Eine Vielzahl solcher Formen kommt zum Einsatz, von großen, etwa für Kleidungsstücke und Körperteile, bis zu kleinen, aus den sich Falten, Gliedmaßen und textile Muster ergeben. Die Reihenfolge, in der sie zum Einsatz kommen, bestimmt endgültig und unabänderlich das Verhältnis von Farben und Formen zueinander. Die farbliche Ausfüllung der vorgegeben Umrisse lässt gegebenenfalls malerische, durch Pinsel oder Finger bestimmte Gestaltung zu, die auch plastische Wirkungen erzeugen kann, ohne ins Voluminöse oder Räumliche vorzustoßen.
Der frei gestaltete, an keiner Gegenständlichkeit orientierte Hintergrund entspricht dem Chaos des Lebens, dem Auf und Ab der Schicksalsschwünge, dem großen Rauschen, dem alle hier gezeigten Personen ausgesetzt sind. Zugleich deutet es auf das große Unbekannte hin, dem der Lebensraum durch den Tod ausgesetzt ist, der ihn in eine nur ahnungsvoll wahrnehmbare übersinnliche Sphäre verwandelt. Die hier gezeigten Menschen wirken lebendig und gespenstisch zugleich: lebendig durch die oft kräftigen, nicht naturalistisch, sondern stimmungshaft verwendeten farblichen Akzente, die sich in Kleidung und Gegenstände finden (man nehme nur Die Touristen oder Die Paparazzi, die ein wahres Farbfeuerwerk vor der Alles verschlingenden Hintergrundkulisse entzünden); lebendig, szenisch auch durch die wandelnde Erscheinungsform der Bildgestaltung im Verhältnis von Vorder-grund und Hintergrund, Figur und Farbfeld, die sich bei verändertem Lichteinfall, oder wenn der Betrachter sich bewegt, einstellt, und die auf den opaken oder lasierenden, pastosen oder metallisch-glänzenden Farbauftrag zurückzuführen ist. Zugleich erscheinen sie gespenstisch in ihrer räumlichen Isolierung wie in einem Schwebezustand, gleichsam in einem Bereich zwischen Leben und Tod.
Die Durchsichtigkeit der Körperpartien, die sie ihrer Sinnlichkeit und wiedererkennbaren individuellen (Gesichts-)Zügen beraubt, löst sie aus dem irdischen Dasein, (er)löst sie quasi aus ihrem Einmaligkeitszustand. Zugleich manifestiert sich in Pose, Blickhaltung, und Kleidungsstücken, der Beziehung zu den Gegenständen, die sie mit sich führen, eine Eigenwilligkeit und Besonderheit, die sie nicht zuletzt für den malenden Künstler jederzeit identifizierbar, aber auch für den Betrachter als individuelle Existenzen nachvollziehbar machen. Zugleich schafft die auf Schablonen beruhende Gestaltung eine distanzierende Haltung, in der die rationale,
mechanisierte Weltsicht des Heute aufscheint. Das sich andeutende Aufgesogen-Sein durch den undurchdringlichen, geheimnisvollen Hintergrund – das Gezwitscher der digitalen Netzwerke?, kosmische Energie?, das Nichts? – verweist auf die Auflösung der Person, ihr Aufgehen in der Masse und, wer wollte es leugnen, im Tod. Die Gemälde leisten Erinnerungsarbeit, sie verleihen den Dargestellten ein vom Künstlerindividuum gesetztes Bild-Dasein, das zugleich ihr Hier und Jetzt transzendiert und sie als zeitgebundene Stellvertreter vor uns stellt.
Alex Flemming ist ein vielseitiger Künstler. Er bewegt sich zwischen den Medien ‒ zwischen Malerei, Graphik, Fotografie und Installation. Häufig verwendet er Malerei auf nicht traditionellen Bildträgern. Hier bleibt er der herkömmlichen Leinwand verbunden, aber seine künstlerischen Mittel sind ungewöhnlich und zeitgemäß. Seine Bildwelt ist gegenständlich und figurativ, ohne sich bloßer Abbilder zu bedienen. Flemming arbeitet konzeptionell, auch in dieser Porträt-Serie, stellt den menschlichen Körper, das Humane ins Zentrum, macht ihn kenntlich in dessen medial übermitteltem Dasein als gleichsam zweiter Natur. Trugen die Schablonen bei seinen Werken Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre noch graphischen Charakter, so prägen sie jetzt die Figur als Ganzes.
Nimmt man Einzelporträts aus (Vater, 1989; Selbstporträt als Veronika, 1996), so handeln
vor allem zwei frühere Bildnis-Serien vom Menschen: die 1998 bis 2000 gemalten, mit Gedichtzeilen kombinierten Porträts anonymer, multiethnischer Passanten – entstanden im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Auftrags für die U-Bahnstation Sumaré in São Paulo – und die um 1990 einsetzende Maß-Serie (Serie Altura), bei der die ins Atelier geholten prominenten Dargestellten, wie in der neuesten Serie, vor abstraktem Hintergrund erscheinen, aber metaphorisch übersetzt zu mehreren, als stabförmige Maßangaben ihrer Körperhöhe. Jetzt begegnen wir Menschen gewissermaßen auf Augenhöhe, Menschen von nebenan, Menschen, gesehen und zusammengeführt durch den Künstler Alex Flemming. Sie ergeben eine imaginäre Gemeinschaft von Zeitgenossen, deren Gestalten zwischen Hülle und Wesen, Flüchtigkeit und Dauer pendeln – eindrucksvoll fixiert in Bildern.

Künstler dieser Ausstellung

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http://www.alexflemming.com

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