10. November – 07. Dezember 2006

Heleno Bernardi - "Masseter Suite"

Zähes Leben

 

Heleno Bernardi berührt mit seinen Bildern Themen, die auch im Zentrum fototheoretischer

Auseinandersetzung stehen: Vergänglichkeit und Tod. Entstanden sind seine Skulpturen für

die Kamera, der Moment der Aufnahme löst sie aus einem Prozess fortschreitender Veränderung

und konserviert mit äußerster Sorgfalt genau jenen inszenierten Augenblick, der den Künstler

interessiert. In hellem Licht lassen sich die Details erkennen, das Unheimliche wird nicht

ins Dunkel getaucht, es herrscht Klarheit, fast als gelte es, Beweisstücke präzise zu erfassen.

 

Die Fotografie scheint aufgrund ihrer spezifischen Wirklichkeitsbindung traditionell

prädestiniert für diese Themen zu sein: Von der Metapher des „Toten Spiegels“, mit der im

Zeitalter des Realismus die indifferente fotografische Wiedergabe bezeichnet wurde, bis hin zu

Susan Sontags Charakterisierung jeder Fotografie als einer Art Memento Mori, weil sie gelesen

werden kann als ein Moment, der unwiderruflich vorbei ist. Der Klassiker einer emphatischen

Fotosoziologie, Roland Barthes, hat es folgendermaßen formuliert: „Gerade weil in jedem Foto,

und sei es scheinbar noch so fest der aufgeregten Welt der Lebenden verhaftet, stets dieses

unabweisbare Zeichen meines künftigen Todes enthalten ist, liegt in ihm eine Herausforderung

an jeden einzelnen von uns.“

 

Bernardis Hinweise sind allerdings sehr viel spezifischer, und sie sind in besonderem Maße dem

Vanitas-Gedanken verpflichtet. Grund dafür ist nicht nur die thematische Häufung von Totenschädeln,

dem klassischen Memento-Mori-Motiv, das bei diesem Künstler, wie auch alle anderen ins Bild

gefassten Gegenstände, mit rosarotfarbenen Kaugummischlieren bedeckt ist. Der Eindruck, der durch

diese Umhüllung entsteht, ist irritierend, lässt sich doch kaum ein Unterschied zwischen rohem

Fleisch und dem im Mundraum durch den Masseter, also Kaumuskel, bearbeiteten, klebrigen und, wie man

jederzeit einem Blick auf Bürgersteige entnehmen kann, außerordentlich langlebigen Stoff erkennen.

 

Zu den Fotorepertoires aus jüngerer Zeit tauchen immer wieder die fröhlichen Zuckerbäcker-Totenschädel

auf, die der bekannte britische Fotograf Martin Parr am mexikanischen „Tag der Toten“ fotografiert hat,

Bilder, die von einem anderen Umgang mit dem Tod zeugen als von jenem der Europäer, denen

Memento-Mori-Motive Geschichte sind. Nicht um gefundene, sondern um gemachte Sujets geht es hingegen

dem Brasilianer Heleno Bernardi. Zunächst entstehen Skulpturen, die erst danach in Fotografien

verwandelt werden. Ihnen eignet im Gegensatz zu den Bildern Parrs eine unangenehme Farbigkeit,

die Bilder haben nichts Heiteres.

 

Bernardi versucht auch nicht, den Betrachter durch Schönheit zu betäuben, die ja bekanntlich nichts

als des Schrecklichen Anfang ist. Was er zeigt ist eine Transformation, die den Gegenständen auf

eigentümliche Weise Respekt erweist: Sie werden verfremdet, bleiben aber erkennbar und machen auf

sehr spezifische Weise die Opposition von Tod und Leben deutlich: Gab es auf klassischen Stilleben-Bildern

oft die Kombination von Schädel mit Früchten und Blumen, so ist die Wahl Bernardis auf ein weniger

appetitliches, und zugleich omnipräsentes Genussmittel gefallen. Es zeichnet sich paradoxerweise außer

durch Langlebigkeit auf dem Boden in formaler Hinsicht durch eine gewisse Flüchtigkeit aus, lässt an die

Kaugummiblasen denken, die man als Kind gemacht hat, die ihrerseits an das Motiv der Seifenblasen erinnern,

die, etwa auf mittelalterlichen Darstellungen, ebenso wie Rauch auf die Fragilität menschlichen

Daseins hinweisen.

 

Dr. Karin Stremmel, Kunsthistorikerin

Künstler dieser Ausstellung