Sammlung Walter Wüthrich

Die weltweit umfangreichste und anschaulich in einer permanenten Ausstellung präsentierte Sammlung von Bildern des österreichischen Künstlers Franz Josef Widmar bildet das eigentliche Herzstück der Stiftung Brasilea; bis heute fehlt ein umfassender Überblick über die mehr als 500 Werke. Die vorliegende Publikation zeigt erstmals eine grössere Auswahl an Bildern Widmars aus der Sammlung Wüthrich. Sie soll damit den Anspruch eines repräsentativen Querschnitts durch das vielfältige künstlerische Schaffen Franz Josef Widmars einlösen; gleichzeitig soll ein Einblick in die Sammlung der Stiftung ermöglicht werden, um damit einen weiteren Grundstein zu legen für eine intensivierte und fortdauernde Auseinandersetzung mit einem Oeuvre, das bis anhin auf wenig Beachtung gestossen ist.

Eine Frage muss jeder Betrachtung von Franz Josef Widmars künstlerischem Schaffen vorangestellt werden: wie geht man um mit einem Werk, das auf den ersten Blick keine erkennbare persönliche Handschrift zu tragen scheint, dessen Hauptmerkmal vielmehr im ständigen Wechsel zwischen verschiedenen Stilen und Gattungen liegt? Ein Durchgang durch die Sammlung von Gemälden mutet ein wenig an wie ein Querschnitt durch die Kunstgeschichte der letzten 150 Jahre. Es gibt kaum eine Stilrichtung, der Widmar sich im Laufe seines Schaffens nicht zugewandt hat, kaum eine Gattung, für die er sich nicht interessiert hätte, kaum eine Technik, an der er sich nicht versucht hat. Doch wenn es darum geht, in einem künstlerischen Werk die Motivation des Autors zu erkennen, gleichsam die Grundlage für dessen Handeln also, dann sucht man für eine solche Einschätzung zuerst nach den Konstanten; nach Fixpunkten, die es erlauben ein Raster zu zeichnen, anhand dessen sowohl die künstlerische Entwicklung als auch das handwerkliche wie geistige Spektrum des Autors fassbar werden. Die Rede von der «Seele» eines künstlerischen Oeuvres orientiert sich an eben diesen Erkennungsmerkmalen, die untrennbar mit dem Wesen des Künstlers selbst verknüpft sind. Solchen Bemühungen stehen insbesondere die fehlende Konstanz in seinem Oeuvre hinsichtlich stilistischer Merkmale sowie die teils markante Diskrepanz der Qualität der Bilder entgegen.

Franz Josef Widmar scheint nicht am Ephemeren eines theoretischen Diskurses interessiert gewesen zu sein, sondern eine dahinter liegende Wahrheit gesucht zu haben. Eine Wahrheit, die freilich nie den Anspruch nach Allgemeingültigkeit erhebt, die gleichsam ihre vielfältigen Bedingungen in die denkbar engste Beziehung zum Künstler selbst rückt. Widmars künstlerische Auffassung, die immer mit seinen ganz eigenen Vorstellungen vom Bild des Künstlers korrespondiert, ist eng mit seinen allgemeinen Lebensbedingungen verknüpft. Durch die andauernden finanziellen Zuwendungen einiger Freunde scheint Franz Josef Widmar eine minimale, für ihn jedoch ausreichende Lebensgrundlage gefunden zu haben. Trotzdem wäre es verfehlt zu behaupten, Widmar sei lediglich ein Auftragsmaler gewesen. Widmar scheint sich nie gross um seine, teils prekäre, wirtschaftliche Situation gekümmert zu haben. Malen zu können und sich einen gewissen Freiraum in eben diesem Tun zu bewahren; mit diesen bescheidenen Ansprüchen, die er dennoch nie als selbstverständlich hinnahm, schien er sich zeitlebens begnügt zu haben. So konnte er im Umfeld von Rio de Janeiro seine künstlerische Vision verwirklichen, weitab von jenen Zentren, in denen der kunsthistorische Diskurs mit grossem Eifer geführt, und die künstlerische zu einer zunehmend akademischen Laufbahn wurde.

Weil wir kaum konkrete Informationen zu seiner (künstlerischen) Ausbildung besitzen und das früheste datierbare Werk der Sammlung in die Mitte der 50er Jahre fällt, lässt sich keine Aussage darüber treffen, ob Widmar überhaupt jemals an einer einzigen Stilrichtung über einen längeren Zeitraum festgehalten hat. Es ist verhältnismässig einfach, die vielfältigen Einflüsse verschiedener Stilrichtungen und Epochen in seinem Werk zu erkennen. Weitaus komplexer wenn nicht unmöglich gestaltet sich die Aufgabe, eine Hierarchie dieser Einflüsse zu skizzieren. Natürlich ist an einigen Stellen unverkennbar der Einfluss Oskar Kokoschkas und anderer beteiligter Künstler rund um die Wiener-Secession und die spätere Kunstschau-Gruppe erkennbar. Andere Bilder erinnern stark an Paul Klee oder scheinen den ins Bild übersetzten Ansichten der späten Impressionisten sehr nahe zu stehen, um nur einige Beispiele anklingen zu lassen. Widmars Oeuvre ist

voller Reminiszenzen, Zitate und Anlehnungen. Eine platte Auflistung verschiedener Einflüsse würde unweigerlich in einen beinahe beliebig erweiterbaren Katalog künstlerischer Stilrichtungen und eine Aufzählung der bekanntesten Protagonisten der Malerei, zumindest der letzten 150 Jahre, münden. Eine solche Auseinandersetzung würde lediglich um ihrer selbst Willen geführt werden, ohne Wesentliches zum Verständnis von Widmars Oeuvre beitragen zu können. Die Anzahl und der Stellenwert der Verweise lassen den Ansatz obsolet erscheinen, das künstlerische Oeuvre mit Hilfe eines hierarchisch katalogisierten Spektrums verschiedener Quellen fassbar machen zu wollen. Im Einzelfall oder auf isolierte Werkgruppen bezogen, ist eine solche Methodik durchaus sinnvoll (und soll an anderer Stelle auch zum Tragen kommen). In Bezug auf die Gesamtheit der Bilder indes, wird eine solche Herangehensweise der Vielfalt jedoch nicht gerecht. Stattdessen gilt es den Umstand zu akzeptieren, dass Widmar sich der Kunstgeschichte bediente als eine Art «Bibliothek der Bilder». Jedes Bild – unabhängig seines künstlerischen Wertes – repräsentiert zunächst einmal eine individuelle Erwartungshaltung seines Autors. Ein Bild ist demnach das Resultat einer, von einer Person an sich selbst gestellten Aufgabe. Es kann nicht Widmars primäres Ziel gewesen sein, einen eigenen Stil zu entwickeln, bis zu jenem Punkt hin, an dem dieser Stil der eigene ist, unverkennbar in seiner sichtbaren Ausgestaltung. Er hat sich aus seiner eigenen «Bibliothek der Bilder» bedient, wie andere sich für eine bestimmte Aufgabe eines bestimmten wissenschaftlichen Ansatzes, einer spezifischen Theorie oder eines Buches bedienen. Für Franz Josef Widmar war zur Veranschaulichung einer bestimmbaren, vorgefassten Idee primär die Frage entscheidend, welchen Stils sich der Maler bedient. Die Möglichkeit einer künstlerischen Aussage im Bild war für ihn demnach in der Bandbreite der stilistischen Potenzialitäten angelegt; erst in einem zweiten Schritt sind Aspekte des malerischen Talents, des Blickes und der inneren Überzeugung, das für ihn Wahre im Bild finden zu können, von Bedeutung. Diese unterschiedlichen Ebenen sind nur in wechselseitiger Beziehung zueinander verstehbar und erst durch Widmars grosses künstlerisches Talent geraten seine Bilder zu ihrer genuinen Aussagekraft und einer Qualität, die weit mehr sein kann als blosses Zitat. Einer solchen Auffassung haftet naturgemäss ein experimenteller Charakter an, bedingt eine darin begründete künstlerische Praxis doch immer auch die wiederholte Erschliessung neuer Territorien. Auf diese Weise lässt sich auch die qualitative Diskrepanz besser deuten, die im Oeuvre Widmars deutlich wird: so rührt die teils unbeholfene Art einiger Bilder vielmehr von der Tatsache, dass Widmar sich nie zufrieden gegeben hat und auf der Suche nach Ausdrucksweisen auch die Berührung mit neuen Stilrichtungen und Gattungen nie gescheut hat; freilich mit der Konsequenz, dass nicht allen Bildern die gleiche Sicherheit der Umsetzung gemein ist.

Widmars künstlerischer Ansatz korrespondiert kaum mit dem herkömmlichen Erfahrungshorizont, wonach das Oeuvre eines Künstlers nicht zuletzt die Illustration einer Suche nach ganz eigenen Darstellungsstrategien repräsentiert. Darüber vergessen wir aber allzu leicht, dass Franz Josef Widmar nach seiner Ausreise nach Brasilien in einem Umfeld tätig war, das damals kaum etwas mit der Kunstlandschaft Europas und Amerikas gemeinsam hatte. So nahm Widmar zwar die Eindrücke und Erfahrungen seiner Zeit in Europa in sich auf und sein Werk zeigt sehr deutlich eine anhaltende Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit. Allerdings scheint der experimentelle Charakter seiner künstlerischen Tätigkeit nur aus der Tatsache heraus erklärbar, dass Widmar in Brasilien eben nicht direkt in jenen «westlichen» Diskurs eingebunden gewesen war. In Rio scheint Widmar jene schöpferische Freiheit gefunden zu haben, die grundlegend ist für ein Werk, über dessen Vielfältigkeit die folgenden Seiten einen Eindruck vermitteln möchten.

Sammlung Walter Wüthrich als PDF herunterladen: